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Lindt-Skandal: Ein Einblick in die Vorwürfe

Redaktion Redaktion
  • Juni 16, 2026

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magzin magzin

Der Begriff Lindt-Skandal bezeichnet vor allem öffentliche Vorwürfe gegen Lindt zu Schwermetallen in dunkler Schokolade, zu Mineralöl-Rückständen sowie zu Kinderarbeit in der Kakao-Lieferkette, die durch Tests, Berichte und mindestens eine Sammelklage in den USA konkretisiert wurden.

Für die Einordnung zählen belastbare Quellen: veröffentlichte Laborbefunde, Grenzwerte aus Verordnungen, NGO-Reports und der Status gerichtlicher Verfahren.

Wichtige Fakten auf einen Blick

  • Consumer Reports veröffentlichte 12/2022 Laborbefunde zu Blei und Cadmium in mehreren dunklen Schokoladen; darunter Produkte von Lindt, mit Bezug auf Kaliforniens Prop-65-Schwellenwerte.
  • Kalifornien setzt für Blei eine zulässige Tagesdosis von 0,5 Mikrogramm (MADL) an und für Cadmium 4,1 Mikrogramm (NSRL); diese Werte sind Kennzeichnungs-Schwellen, keine EU-Grenzwerte.
  • Die EU hat für Cadmium in Schokolade Höchstgehalte von 0,1 bis 0,8 mg/kg je nach Kakaoanteil festgelegt; geregelt in VO (EG) 1881/2006 in der geänderten Fassung.
  • Mineralölkohlenwasserstoffe werden in Tests seit Jahren als Thema geführt; MOAH gelten aufgrund möglicher Genotoxizität als besonders kritisch, wie das BfR die Risikodiskussion beschreibt.
  • Lindt verweist in öffentlichen Stellungnahmen regelmäßig auf die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und betont, dass Schwermetalle natürlicherweise in Kakao vorkommen können.
  • Zur Lieferkette: Laut NORC-Studie arbeiteten 2018-2019 rund 1,56 Millionen Kinder in der Kakaoerzeugung in Ghana und der Elfenbeinküste; das ist der Kontext für Kinderarbeitsvorwürfe.
  • Wer sich ein eigenes Bild machen will, sollte Testberichte auf Chargen, Kakaoanteil und Portionsannahmen prüfen und zusätzlich die EU-Höchstgehalte sowie Hersteller-Transparenzberichte gegenlesen.

Lindt-Skandal: Was steht im Raum?

Lindt ist eine Schweizer Traditionsmarke, die weltweit im Premiumsegment verkauft und damit an sich selbst einen hohen Maßstab setzt: bei Rohstoffqualität, Rückstandsmanagement und Lieferkettenkontrolle. Genau diese Erwartungshaltung erklärt, warum einzelne Laborbefunde und Lieferkettenkritik in Medien und sozialen Netzwerken schnell als Lindt-Kontroverse diskutiert werden.

Die zentralen Vorwürfe lassen sich in drei Komplexe trennen, die in Dokumenten und publizierten Tests nachprüfbar sind: erstens Lindt Vorwürfe zu Blei und Cadmium in dunkler Schokolade, zweitens Hinweise auf MOSH und MOAH in Schokolade aus verschiedenen Tests, drittens strukturelle Kinderarbeitsrisiken in westafrikanischen Kakao-Lieferketten, die NGOs seit Jahren dokumentieren. Als konkreter Auslöser für den US-Fokus gilt der Consumer-Reports-Test vom Dezember 2022, der in den USA eine Welle an Produktdebatten und Klagen zu Schwermetallen bei mehreren Herstellern befeuert hat (Consumer Reports zu Schwermetallen in Schokolade).

Was davon ist belegt, was sind Spekulationen? Belegt sind veröffentlichte Messungen einzelner Produkte, die Nennung der getesteten Marken im jeweiligen Bericht sowie die existierende Risikodebatte zu Mineralölkohlenwasserstoffen in Lebensmitteln, etwa in Stellungnahmen deutscher Behörden (BfR zur Bewertung von MOH in Lebensmitteln). Spekulationen entstehen dort, wo ohne Testdokumente von angeblichen Rückrufen, angeblich verbotenen Rezepturen oder angeblichen Behördenverboten gesprochen wird. Für eine faktenbasierte Recherche ist entscheidend, ob ein Vorwurf auf einem veröffentlichten Laborbericht, einer behördlichen Veröffentlichung oder einer gerichtlichen Akte basiert.

Für den thematischen Rahmen dieses Magazins lohnt als Einstieg in ähnliche Einordnungen der Blick auf Skandal-Online, weil dort die Trennung zwischen dokumentierter Quelle und Deutung als Arbeitsprinzip sichtbar wird.

Schwermetall-Vorwürfe: Blei und Cadmium in Schokolade

A cell phone with a picture of a skull on it
Foto von Johannes Andersson auf Unsplash

Der bekannteste Messanlass zur Schwermetall-Debatte ist der Consumer-Reports-Beitrag vom Dezember 2022, der für mehrere dunkle Schokoladen erhöhte Werte für Blei und Cadmium im Verhältnis zu den Warnschwellen nach kalifornischem Recht diskutiert und Lindt in der Produktliste aufführt (Consumer Reports: Heavy Metals in Chocolate). Consumer Reports arbeitet in solchen Veröffentlichungen typischerweise mit Portionsannahmen und leitet daraus eine Exposition ab, statt nur mg/kg als Rohwert zu kommunizieren. Für Leser in DACH ist deshalb wichtig, im Original zu prüfen, welche Portion angesetzt wurde und wie oft pro Tag der Verzehr unterstellt wird.

Kalifornien nutzt für Kennzeichnungspflichten die Grenzwerte aus Proposition 65. Für Blei liegt die sogenannte Maximum Allowable Dose Level bei 0,5 Mikrogramm pro Tag, für Cadmium nennt die Behörde als No Significant Risk Level 4,1 Mikrogramm pro Tag für bestimmte Endpunkte (OEHHA: Proposition 65 zu Blei, OEHHA: Proposition 65 zu Cadmium). Diese Werte sind keine weltweiten Lebensmittelgrenzwerte, sondern Schwellen für Warnhinweise im US-Bundesstaat. Der Streit dreht sich dort oft um die Frage, ob ein Produkt ohne Warnhinweis verkauft werden durfte.

In der EU läuft die Einordnung anders: Hier sind für Cadmium in Schokolade Höchstgehalte je nach Kakaogehalt festgelegt, konkret 0,1 mg/kg für Milchschokolade mit weniger als 30 Prozent Kakao-Trockenmasse, 0,3 mg/kg für 30-50 Prozent, sowie 0,8 mg/kg für Schokolade mit mindestens 50 Prozent Kakao-Trockenmasse (VO (EU) 488/2014 zur Änderung von Höchstgehalten für Cadmium). Das ist der belastbare Referenzrahmen für Produkte, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz nach EU-Standards hergestellt oder importiert werden.

Gesundheitlich ist die Mechanik klar: Schwermetalle sind in Kakao keine typische Produktionspanne, sondern hängen unter anderem mit Geochemie und Anbaubedingungen zusammen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Cadmium bereits als Stoff mit kumulativer Belastung bewertet und TWI-Werte abgeleitet, die bei hoher Grundaufnahme relevant werden können (EFSA: Cadmium in Lebensmitteln, wissenschaftliche Stellungnahme).

Lindt reagiert in öffentlichen Antworten auf Schwermetall-Berichte in der Regel mit zwei überprüfbaren Kernpunkten: Verweis auf natürliche Vorkommen in Kakao und Verweis auf Compliance mit geltenden Grenzwerten in den jeweiligen Märkten. Wer die Aussage prüfen will, muss auf die konkrete Rechtsgrundlage schauen, also EU-Höchstgehalte für Cadmium sowie lokale Kennzeichnungsregeln in den USA, und die Produkte genau nach Kakaoanteil und Charge abgleichen.

Kinderarbeit und Kakao-Lieferkette: Die Vorwürfe im Detail

Kinderarbeit in der Kakaoerzeugung ist seit Jahren dokumentiert. Eine häufig zitierte Datengrundlage ist die NORC-Studie der University of Chicago, die für Ghana und die Elfenbeinküste im Erhebungszeitraum 2018-2019 rund 1,56 Millionen Kinder in der Kakao-Produktion schätzt (NORC: Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa). Diese Zahl ist kein Lindt-spezifischer Befund, aber sie beschreibt den strukturellen Risikoraum, in dem sich auch Lindts Beschaffung bewegt, wenn Kakao aus Westafrika stammt.

NGOs und Investigativrecherchen arbeiten in diesem Feld meist mit Vor-Ort-Interviews, Schulbesuchsquoten, Arbeitszeitangaben und der Beobachtung gefährlicher Tätigkeiten. Für die Einordnung eines konkreten Schokolade Skandal-Vorwurfs ist entscheidend, ob ein Bericht eine Lieferkettenverbindung belegt, etwa über Händler, Kooperativen oder Exportfirmen. Ohne diese Verbindung bleibt es eine Branchenbeschreibung.

Lindt verweist seit Jahren auf das Lindt & Sprüngli Farming Program als Steuerungsinstrument in der Kakaobeschaffung und kombiniert das Programm mit Zertifizierungen und eigenen Kontrollen. Nach Unternehmensangaben wird Kakao seit 2020 vollständig über das eigene Farming Program bezogen, das unter anderem Trainings, Prämienmodelle und Rückverfolgbarkeit umfasst (Lindt & Sprüngli: Nachhaltigkeit und Farming Program). Die überprüfbare Frage ist dann nicht, ob ein Programm existiert, sondern welche Auditmethodik genutzt wird, wie viele Farmen erfasst sind und wie Abweichungen sanktioniert werden.

Die Diskrepanz zwischen Marketingaussagen und Realität zeigt sich dort, wo Programme mit Begriffen wie Rückverfolgbarkeit beworben werden, aber öffentliche Auditberichte wenig Detail zu Abhilfemaßnahmen liefern. Als harte Prüfpunkte taugen zwei Zahlen: der Anteil rückverfolgbarer Bohnen in Prozent und die Frequenz unabhängiger Audits pro Jahr. Wenn ein Hersteller diese Kennzahlen nicht publiziert, bleibt dem Konsumenten nur der Umweg über Nachhaltigkeitsberichte und externe Zertifizierer, zum Beispiel Rainforest Alliance, deren Standarddokumente öffentlich zugänglich sind (Rainforest Alliance: Standards und Zertifizierung).

Mineralöl-Rückstände: MOSH und MOAH in Schokolade

Close-up of sugar-free chocolate candies with a focus on a wrapped piece.
Foto von Towfiqu barbhuiya auf Pexels

Mineralölkohlenwasserstoffe tauchen seit Jahren in unabhängigen Tests von Schokoladen auf, auch bei Markenprodukten. Stiftung Warentest hat in verschiedenen Untersuchungen zu Schokolade und kakaohaltigen Produkten wiederholt MOSH (gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe) und teils auch MOAH (aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe) gemessen und die Befunde je nach Produkt als „Spuren“ bis „erhöht“ eingeordnet, in der Regel im mg/kg-Bereich (Testberichte und Methodik: Stiftung Warentest). Auch Foodwatch hat das Thema mit eigenen Laboranalysen und Kampagnen öffentlich gemacht, darunter bei Tafelschokoladen und saisonalen Artikeln, und dabei ebenfalls Mineralölbestandteile in einzelnen Proben benannt (Foodwatch). In der öffentlichen Debatte wurden dabei auch Produkte aus dem Lindt-Sortiment genannt, häufig aus dem Premium-Tafelbereich, die in Einzeltests durch messbare MOSH-Gehalte auffielen, während MOAH je nach Probe entweder nicht nachweisbar war oder als nachweisbar berichtet wurde.

Als Eintragswege gelten vor allem Verpackungsmaterialien (recycelter Karton, Druckfarben, Klebstoffe) sowie Produktions- und Transportprozesse (Schmieröle, technische Hilfsstoffe, kontaminierte Umgebungsluft). Außerdem können Rohstoffe beitragen, etwa wenn Kakaobohnen oder Nüsse während Trocknung und Lagerung mit Mineralölquellen in Kontakt kommen.

Gesundheitlich wird MOSH diskutiert, weil sich bestimmte Fraktionen im Körper anreichern können, während MOAH als besonders kritisch gilt, da darunter potenziell krebserregende Verbindungen sein können. Eine einheitliche gesetzliche Höchstmenge existiert in vielen Märkten nicht, wodurch die Bewertung stark von Vorsorgeprinzip, Analytik und Risikomodellen abhängt. Hersteller wie Lindt reagieren in solchen Fällen typischerweise mit dem Hinweis auf gesetzeskonforme Produkte, strenge Qualitätskontrollen, die Zusammenarbeit mit Verpackungs- und Rohstofflieferanten sowie Maßnahmen wie Barriereverpackungen und Prozessoptimierungen, um Einträge weiter zu senken.

Klage in den USA: Excellence-Schokolade und Schwermetalle

In den USA geriet Lindt im Zusammenhang mit einer Sammelklage (Class Action) unter Druck, die sich gegen Produkte der Reihe Excellence Dark Chocolate richtet. Klägerseite sind einzelne Konsumenten, die stellvertretend für eine Gruppe von Käufern auftreten. Der Kernvorwurf lautet, Lindt habe dunkle Tafelschokoladen verkauft, die nach Klägerdarstellung messbare Mengen an Schwermetallen (insbesondere Blei und Cadmium) enthalten, ohne dies ausreichend kenntlich zu machen. Verbunden wird das mit dem Vorwurf irreführender Vermarktung, etwa durch implizite Qualitäts- und Reinheitsversprechen bei Premium-Schokolade.

In der Klageschrift wird typischerweise neben Unterlassung (Anpassung von Kennzeichnung und Marketing) auch Schadensersatz verlangt. Solche US-Verfahren nennen häufig eine Mindeststreitsumme im mehrmillionigen Bereich, um die Zuständigkeit nach US-Verfahrensrecht zu begründen, häufig mindestens 5 Millionen US-Dollar für die gesamte Klasse, zuzüglich möglicher Anwaltskosten und weiterer Ansprüche.

Zum rechtlichen Status ist entscheidend, ob ein Gericht die Klage als Sammelklage zulässt (Class Certification) oder ob sie ganz oder teilweise abgewiesen wird, etwa wegen fehlender Irreführung oder weil Grenzwerte und Risikobewertungen umstritten sind. Hersteller weisen in solchen Verfahren regelmäßig darauf hin, dass Schwermetalle in Kakao natürlich vorkommen können (Boden, Anbaugebiete), dass Produkte geltende Regeln einhalten und dass einzelne Laborergebnisse nicht automatisch ein Gesundheitsrisiko belegen.

Marktseitig wirken solche Klagen oft weniger über unmittelbare Verkaufsstopps als über Schlagzeilen: Händler reagieren meist mit Rückfragen an Lieferanten, punktuellen Hinweisen im Sortiment oder stärkerer Prüfung von Lieferantenerklärungen. Beim Markenimage kann das Thema dennoch spürbar sein, weil „dunkle Premiumschokolade“ stark über Vertrauen verkauft wird, auch wenn belastbare Effekte auf Absatz und Regalverfügbarkeit häufig erst zeitverzögert sichtbar werden.

Lindts Kommunikationsstrategie: Transparenz oder Abwehr?

Professional business team collaborating in a modern office meeting.
Foto von Vitaly Gariev auf Pexels

Offizielle Statements von Lindt folgen in Krisenthemen oft einem wiederkehrenden Muster: Betonung von Qualitätssicherung, Verweis auf gesetzliche Konformität und der Hinweis, dass Rohstoffe wie Kakao naturbedingt variieren. In Pressemitteilungen und Stellungnahmen werden kritische Laborbefunde häufig durch Formulierungen wie „wir nehmen die Vorwürfe ernst“, „umfassende Tests“ oder „kontinuierliche Verbesserungen“ eingeordnet, ohne immer konkrete Messwerte, Methoden oder Chargeninformationen offenzulegen. Auf investigative Medienberichte reagiert das Unternehmen typischerweise mit der Gegenposition, dass Einzeltests nicht zwingend repräsentativ seien und interne Grenz- und Prüfkonzepte strenger als gesetzliche Mindestanforderungen ausfallen könnten.

Im Vergleich dazu unterscheiden sich Wettbewerber in der Transparenz. Ferrero kommuniziert bei Qualitätsdiskussionen oft stark über standardisierte Sicherheits- und Lieferantenprogramme, bleibt aber bei Detaildaten meist zurückhaltend. Ritter Sport veröffentlicht regelmäßig Nachhaltigkeits- und Herkunftsinformationen, teils mit konkreteren Beschaffungsangaben. Tony’s Chocolonely setzt besonders offensiv auf öffentliches Reporting (Lieferketten, Ziele, Fortschritt), was zwar nicht automatisch Produktkontroversen verhindert, aber die Erwartungshaltung an Zahlen, Audits und Nachweise erhöht.

Für die Glaubwürdigkeit ist entscheidend, ob Kommunikation überprüfbar wird: Werden Analyseparameter genannt, werden externe Labore oder Standards transparent gemacht, gibt es nachvollziehbare Maßnahmenketten (Ursache, Korrektur, Prävention)? In Umfragen zum Konsumentenvertrauen zeigt sich bei Lebensmittelkrisen häufig, dass Menschen weniger auf juristische Formulierungen reagieren als auf konkrete Handlungen wie Rezeptur- oder Verpackungsänderungen, unabhängige Nachtests und klare Verbraucherhinweise. In Social Media kippt das Sentiment oft dann, wenn der Eindruck entsteht, ein Hersteller argumentiere ausschließlich defensiv. Stabil bleiben kann es, wenn parallel sichtbare Schritte erfolgen, etwa zusätzliche Prüfprogramme, Lieferantenwechsel oder die Veröffentlichung zusammengefasster Messdaten, die die eigene Einordnung belastbar machen.

Einordnung: Skandal, Gerücht oder Branchenproblem?

Ob man die Lindt-Vorwürfe als Skandal einordnet, hängt stark davon ab, welche Art von Vorwurf gemeint ist, etwa Rückstände, Herkunft, Arbeitsbedingungen oder irreführende Kommunikation. Im Vergleich zu großen Referenzfällen wirken viele Schokoladenkontroversen zunächst weniger dramatisch, sie sind aber für das Konsumentenvertrauen nicht automatisch harmlos. Der Diesel-Skandal war ein systematisch angelegter Täuschungsvorwurf mit massiver regulatorischer, finanzieller und gesundheitspolitischer Tragweite. Die Fipronil-Eier betrafen eine akute Lebensmittelsicherheitslage, bei der kontaminierte Ware breit in den Handel gelangte, inklusive Rückrufen und unmittelbaren Verzehrfragen. Die Pferdefleisch-Affäre war vor allem ein Lieferketten- und Deklarationsskandal, also Betrug über mehrere Stufen. Vor diesem Hintergrund sind Lindt-bezogene Vorwürfe je nach Beleglage häufig eher im Feld Qualitäts- und Transparenzkontroversen zu verorten, können aber bei belastbaren Befunden schnell skandalähnliche Dimensionen annehmen.

Wichtiger als die Schlagzeile ist die Frage, ob es sich um isolierte Probleme (einzelne Chargen, einzelne Zulieferer, einzelne Märkte) oder um strukturelle Herausforderungen handelt. Bei Schokolade sind Letztere real: komplexe Rohstoffketten (Kakao), schwankende Qualitäten, Betrugsrisiken, sowie Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsfragen, die branchenweit diskutiert werden. Das spricht dafür, viele Vorwürfe nicht nur als „Lindt-Problem“, sondern als Industrieproblem zu betrachten, bei dem Marken unterschiedlich transparent und konsequent reagieren.

Für Konsumenten empfiehlt sich ein pragmatischer Ansatz: Wer Risiken minimieren will, kann bei unklarer Datenlage Produkte aus dem konkreten Kritikfokus vorübergehend meiden, insbesondere wenn es um bestimmte Sorten oder Chargen geht. Orientierung bieten unabhängige Siegel (zum Beispiel EU-Bio, Fairtrade, Rainforest Alliance), wobei auch diese keine absolute Garantie darstellen, sondern Mindeststandards und Auditlogiken. Zur eigenen Information helfen regelmäßige Checks seriöser Quellen wie behördliche Rückrufseiten (in Deutschland etwa lebensmittelwarnung.de), Stellungnahmen von Verbraucherorganisationen (zum Beispiel verbraucherzentrale.de) sowie veröffentlichte Nachhaltigkeits- und Auditberichte der Hersteller, idealerweise mit Kennzahlen, Lieferkettenhinweisen und klaren Korrekturmaßnahmen.

Häufig gestellte Fragen

Wie relevant sind die Laborbefunde von Consumer Reports aus Dezember 2022 für Lindt-Produkte?

Die Consumer Reports-Tests aus Dezember 2022 nennen mehrere dunkle Schokoladen mit erhöhten Ble i- und Cadmium-Werten, darunter Produkte von Lindt. Diese Tests lösten in den USA Klagen und öffentliche Debatten aus, weil sie Kaliforniens Prop-65-Schwellenwerte als Referenz nutzten. Die Befunde gelten für die konkret getesteten Chargen, nicht automatisch für alle Lindt-Produkte.

Kalifornien nennt eine zulässige Tagesdosis von 0,5 Mikrogramm für Blei und 4,1 Mikrogramm für Cadmium nach Prop-65-Logik; diese Werte dienen Kennzeichnungspflichten in den USA. Die EU regelt Cadmium mit Höchstgehalten von 0,1 bis 0,8 mg/kg in VO (EG) 1881/2006 je nach Kakaoanteil. Das bedeutet, dass ein Produkt nach EU-Recht zulässig sein kann, aber dennoch Kennzeichnungspflichten in Kalifornien auslösen kann.

Was bedeutet MOSH und MOAH in Tests für Schokolade konkret für Verbraucher?

MOSH sind gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe, MOAH sind aromatische Fraktionen, die aufgrund möglicher Genotoxizität kritischer bewertet werden. Tests zeigen seit Jahren das Vorkommen beider Gruppen in Schokoladeproben und das BfR beschreibt MOAH als besonders besorgniserregend. Für Verbraucher lohnt sich die Prüfung von Herstellerangaben und unabhängigen Laborberichten zu konkreten Chargen.

Welche Rolle spielt die NORC-Studie zu Kinderarbeit in der Bewertung von Lindts Lieferkette?

Die NORC-Studie dokumentierte 2018-2019, dass rund 1,56 Millionen Kinder in der Kakaoerzeugung in Ghana und der Elfenbeinküste arbeiteten, was den strukturellen Kontext liefert. Das macht Kinderarbeitsvorwürfe gegen Hersteller wie Lindt plausibler, wenn Transparenz oder Lieferantenkontrolle fehlen. Entscheidend sind deshalb konkrete Auditberichte und Nachweise von Abhilfemaßnahmen in Lindts Lieferketten.

Sollte ich als Verbraucher Lindt-Produkte sofort meiden wegen des Lindt-Skandals?

Ein generelles Meiden ist nicht zwingend nötig, weil viele Befunde nur einzelne Chargen betreffen. Wer Risiken minimieren will, kann gezielt kritisierte Sorten oder Chargen vorübergehend meiden und unabhängige Tests sowie Hersteller-Transparenzberichte prüfen. Orientierung bieten auch EU-Bio, Fairtrade oder Auditberichte, die jedoch keine absolute Garantie bieten.

Wie zuverlässig sind Hersteller-Stellungnahmen, wenn Lindt die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben betont?

Stellungnahmen von Lindt können erklären, dass gesetzliche Vorgaben eingehalten werden und dass Schwermetalle natürlich im Kakao vorkommen. Ihre Aussagekraft steigt, wenn sie konkrete Prüfprotokolle, Chargennummern und Korrekturmaßnahmen nennen. Unabhängige Laborbefunde und behördliche Rückrufseiten liefern ergänzende Validierung.

Wo finde ich verlässliche Updates und Rückrufe zu konkreten Lindt-Chargen?

Offizielle Rückruflisten wie lebensmittelwarnung.de und Veröffentlichungen von Verbraucherorganisationen sind frühe und verlässliche Quellen. Ergänzend helfen veröffentlichte Nachhaltigkeits- und Auditberichte der Hersteller sowie Labortests in Fachpublikationen. So lässt sich das Risiko für eine konkrete Charge besser einschätzen.

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